Finissage der DEKOMTE-Schau „Biblische Bücher in der Modernen Kunst“ an der Frankfurter Hochschule St. Georgen
"Die Verblüffung war groß", erzählt Hochschul-Rektor Wendelin Köster zur Papstwahl. "Wir sind alle ziemlich sprachlos gewesen, weil wir Jesuiten selber eigentlich nie daran gedacht haben, dass ein Jesuit einmal Papst werden könnte. Wir sind sozusagen aus allen Wolken gefallen.“
Auch Kösters Kollegen berichten, "dass jetzt erstmals ein Jesuit Papst ist, sei etwas Besonderes. Dass Franziskus auch Frankfurt und Sankt Georgen kennt, natürlich auch“. Denn dem neuen Papst ist Deutschland gut bekannt. Als junger argentinischer Kardinal Jorge Mario Bergoglio verbrachte er hier 1985 die Sommermonate, um an Frankfurts renommierter Philosophisch-Theologischer Hochschule Sankt Georgen ein Dissertationsthema zu vertiefen. Wen wundert‘s, dass Papst Franziskus auch noch Deutsch spricht.
Hier an Frankfurts renommierten Jesuitenorden geht nun nach zweimonatiger Laufzeit am 23. März die DEKOMTE-Schau „Biblische Bücher in der Modernen Kunst“ zu Ende. Präsentiert wurden in der Bibliothek der Hochschule die Illustrationen Emil Schumachers zum Buch Genesis, das von der Erschaffung der Welt berichtet: zuerst das Licht, danach die Erde und schließlich die Sterne.
Viele Kulturen berichten in Überlieferungen vom Anbeginn: Neben dem Buch Genesis des Alten Testaments, das die Erschaffung der Welt in sechs Tagen beschreibt, ruft etwa bei den Ureinwohnern Neuseelands Io, der Schöpfergott, kraft seines Wortes die Dinge ins Leben. In Indien wiederum stieg Gott Vishnu als Schildkröte vom Himmel in ein Milch-Meer, das er so lange quirlt, bis daraus die Erde entstand. Die Zuni-Indianer im Nordwesten der USA überliefern den Mythos vom Schöpfer Awonawilona, der das Meer befruchtet und anschließend ausgebrütet. Und aus China schließlich stammt der Schöpfungsmythos von Pan Gu, der als Kind von Yin und Yang in einem Ei heran wuchs. Als dieses platzt, bilden die hellen Teile den Himmel und die dunklen die Erde.
All dies könnte Schumacher für seine Genesis-illustrationen gleichermaßen inspiriert haben. Seine, den Formprozess nachspürenden Werke beschreiben dabei eine multikulturelle Entwicklung, in der der Bogen als wiederkehrendes Symbol erscheint: Mit ihm hat Schumacher Maß genommen, an sich selbst, am Radius seiner Arme. Im Bogen hat er oben und unten vermessen, Himmel und Erde und schließlich eine Orientierung gesetzt. Später vollendet sich diese Rundung im Rad oder Kreis – beide geeignet, einen Sturz aus den Wolken aufs Beste aufzufangen.
In der international renommierten Frankfurter Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen wurde Mittwoch Abend (23.01.2013) die Ausstellung „Biblische Bücher in der Modernen Kunst“ eröffnet.
In Anwesenheit der Leihgeber Günther de Temple und Christine Wondrak von DEKOMTE de Temple sprach Jesuitenpater Friedhelm Mennekes SJ einleitende Worte.
Im Mittelpunkt der Schau steht die von Emil Schumacher künstlerisch gestaltete Bibel „Genesis“, zur Erschaffung der Welt. 18 Bilder schuf der berühmte deutsche Künstler und nutzte dafür erstmals die neue, in Israel entwickelte Technik der Terragraphie. Tatsächlich bilden diese Werke eine Art Vermächtnis des Künstlers, denn er verstarb kurz nach deren Fertigstellung. International anerkannt, gelten sie zudem als Sinnbilder der Bewahrung des Schöpfungsmomentes zwischen Chaos und Ordnung.
Flankiert wird die Schumacher-Bibel in der aktuellen Schau von Leihgaben aus dem Schumacher-Museum in Hagen sowie von Leihgaben aus der Bibliothek St. Georgens.
2013 sollen zudem in loser Folge auch die weiteren zeitgenössischen Bibelillustrationen aus der Sammlung DEKOMTE de Temple in St. Georgen vorgestellt werden.
Sie ist eine der berühmtesten und international renommiertesten Hochschulen – die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. 1926 gegründet liegt sie, umgeben von einem idyllischen Park, im Frankfurter Stadtteil Oberrad. Bis heute dient St. Georgen der Forschung und Lehre in Theologie und Philosophie. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem ganzheitlich gestalteten Studium, das dazu befähigt, sich im schnell fortschreitenden Wissensprozess zu orientieren.
„Sankt Georgen“ ist nicht nur der Name der Hochschule, sondern des gesamten Campus. Der Name geht zurück auf den früheren Eigentümer Georg von Saint George, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts das landwirtschaftlich genutzte Gelände durch den Hof- und Stadtgärtner Sebastian Rinz in einen englischen Park umwandeln und darin eine Villa erbauen ließ. Bis heute ziert zudem der hl. Georg als Drachentöter das schmiedeeiserne Eingangstor und empfängt freundlich und stolz die Studenten und Besucher Sankt Georgens.
Wer also durch das imposante Eingangsportal zur international renommierten Bibliothek der Hochschule gelangt, findet dort zum Jahresauftakt ein weiteres Highlight, nämlich die erste Schau der neuen Ausstellungsreihe „Biblische Bücher in der Modernen Kunst“.
Vom 24. Januar bis zum 23. Februar 2013 ist dort „Emil Schumacher - Genesis“ zu sehen, mit Werken aus der Sammlung DEKOMTE de Temple sowie einigen frühen Bibeldrucken aus dem Bestand der Bibliothek St. Georgen und dem Emil Schumacher Museum, Hagen.
Initiatoren der neuen Ausstellungsreihe sind der Jesuiten-Pater und Ausstellungsmacher Friedhelm Mennekes www.artandreligion.de sowie der DEKOMTE-Gründer Günther de Temple.
In der ersten Ausstellung der neuen Reihe erzählt die „Genesis“ von der Erschaffung der Welt. 1998 schuf Emil Schumacher 18 Terragraphien für das berühmte Buch, die heute als sein künstlerisches Testament gelten, da der Künstler kurz darauf verstarb.
NEUE PERSPEKTIVEN ERÖFFNEN - HERKÖMMLICHES IN FRAGE STELLEN
Fast 400 Exponate umfasst die Sammlung DEKOMTE de Temple. Kunstwerke, die an verschiedenen Orten von Menschen geschaffen wurden, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Vor nahezu fünfzehn Jahren erwarben wir das erste Werk in Finnland. Seitdem kamen immer wieder Kunstwerke in unsere Sammlung, die rund um den Globus entstanden. Jedes ist durch eine außergewöhnliche und oft wechselvolle Geschichte geprägt. Das Entdecken dieser Werke, das Kennenlernen der Künstler und die Überführung der Arbeiten in unsere Sammlung ist eine einzigartige Erfahrung, die wir auch in Zukunft nicht missen möchten.
Die Förderung zeitgenössischer, internationaler Künstler steht bei uns im Fokus. Denn sie ist aktuellen, zukunftsweisenden Tendenzen verpflichtet und wirkt positiv ins Unternehmen. Dabei folgt der „Kunstkompass“ häufig überraschend unseren geschäftlichen Unternehmungen. Denn auch an den neuen Wirtschafts- und Technikzentren in Asien, Nahost oder Südamerika stellt die Kunst Fragen und überwindet Grenzen. Sie wirkt auf vielerlei Ebenen.
Fast fünfzehn Jahre sind seit der Gründung der Sammlung DEKOMTE de Temple vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen uns die Sammlung mit immer wieder neuem Gesicht überraschte, ja, eine Art Erlebnisraum bildete, der Menschen und Ideen zusammenführte.
Gemeinsam mit unserem eigentlichen Geschäft, der Kompensatoren-Produktion, wirkt die Sammlung oft wie eine Art Laboratorium, welches Zugang zu aktuellen Vorstellungen und Entwicklungen gibt. Von Beginn an war es deshalb unsere Intention, dies auch öffentlich zu präsentieren.
„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet"
Pablo Picasso
„Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen“
Matthias Claudius
Michael Adams *1937
GAUGUIN DER SEYCHELLEN
Er gilt als Paul Gauguin der Seychellen. 1937 als Sohn eines Kautschukpflanzers und einer Mezzosopran-Sängerin geboren, verbrachte der Künstler seine Jugend in Malaysia und in Tansania. Mit 16 Jahren ging er an die Falmouth- Kunstschule und von 1958 bis 1961 an das Royal Collage of Art in London. Dort studierte er bei Julian Trevellyan. Als Graveur ging er anschließend für fünf Jahre an die Makerere-Universität in Uganda und zog sich dann, nach ausgedehnten Reisen durch Europa, Asien und Afrika, in sein Refugium auf Mahé, der Hauptinsel der Seychellen zum Malen zurück.
In der Sammlung DEKOMTE de Temple dokumentieren seine Werke „Botanical Gardens“ und „Zungu Zungu“ das Leben in der unberührten Natur der Tropenwälder. Das suahelische „Zungu Zungu“ erinnert dabei an die Lehrjahre in der afrikanische Mittagssonne und heißt übersetzt das Gezirpe der Grillen.
Heute lebt Adams vom Verkauf seiner Siebdrucke, den seine Frau Heather in ihrer Insel-Galerie auf Mahé organisiert.
Elvira Bach *1951
VON EINER WEIBLICHEN ARMEE AUF HIGH HEELS GESCHÜTZT UND BEHÜTET
Im Kreis der Jungen Wilden Maler, die in den 1980er Jahren in Berlin für Furore sorgten, war sie die einzige Frau, die den Durchbruch schaffte. Ihre neoexpressionistischen Frauenbildnisse spiegeln bis heute die Themen ihrer Biographie. 1951 in Neuenhain im hessischen Taunus geboren, zog es die Künstlerin früh nach Berlin, wo sie auch heute noch mit ihren beiden Söhnen lebt und arbeitet.
In der Sammlung DEKOMTE de Temple ist Elvira Bach mit einer außergewöhnlichen Künstlerbibel vertreten. Für ihre Illustrationen in Terragraphie-Technik wählte sie das Buch Ruth. Jenes erzählt um 1000 v. Chr. vom Schicksal einer jüdischen Familie, die wegen einer Hungersnot von Betlehem nach Moab flüchten muss, von Migration und Fremdvölkermotiv.
Wer jedoch auf Bachs Identifikation mit Ruth schließt, auf das Misstrauen gegenüber fremder Kulturen, Religionen oder Hautfarben, liegt falsch. Auslöser für Bach, das Buch Ruth zu wählen, war der Tod der Mutter. Kernstücke ihrer Illustrationen bilden dabei die typischen Frankfurter „Dibbe“ - Schüsseln aus der Küche der Mutter. Als Gefäße verkörpern sie auch in der Kunst das weibliche Prinzip, das formal an die lebensspendende Gebärmutter erinnert und in Bachs Buch Ruth, in einem einfühlsamen Trauer- und Formprozess im letzten Gefäß, der Urne mündet.
Shmuel Bonneh *1930 - ✝1999
BIBLISCHE BILDER EINES LANDVERMESSERS
Mit sechzehn hatte er begonnen, in Haifa Kunst zu studieren, doch die Malerei musste bald wieder warten. Zwei Jahre nach Studienbeginn war der junge Shmuel Bonneh zum Befreiungskampf nach Galiläa eingezogen und verwundet worden. Kaum genesen und als Landvermesser eingesetzt, lernte er ein Land voller einzigartiger Herausforderungen und Prägungen kennen.
1936 war er mit seiner Familie aus Polen ins israelische Haifa immigriert. Erst 1950 konnte Bonneh dort das Kunststudium wieder fortsetzen. Er ging zurück ans Histadrut Studio in Neveh Sha'ana und nahm das Malereistudium bei Menachem Shemi, Israel Paldi und Jochanan Simon wieder auf. Seine Themen entwickelten sich nun entgegen allen künstlerischen Mainstreams. Aufgrund seiner Erfahrungen schuf Bonneh eine individuelle Welt, die sich vor allem aus den Themen der Bibel, der israelischen Landschaft und dem jüdischen Martyrium speiste.
Biblische Geschichten und Ereignisse, Beschreibungen von Szenen und Orten verwandelte er zu Bildern voller Inspiration und Fantasie. Dabei koppelte er die historische Landschaft mit zeitgenössischen Eindrücken aus den Wanderungen als Landvermesser. Seine authentische, tiefe Verwurzelung mit dem Judentum mündete so in Visionen, alter und moderner, biblischer, israelischer sowie jüdischer Motive. Seine an die Malweise Chagalls erinnernden Motive waren an jüdischer Volkskunst wie an rituellen Sujets aus der Zeit der Tabernakel und der Arche Noah orientiert und immer überzeugten sie durch das aktuelle Eintauchen in den alten hebräischen Mythos.
Corneille *1922 - ✝2010
“I AM A PAINTER OF JOY”
Er gilt neben Karel Appel als der bedeutendste Nachkriegskünstler aus den Benelux-Staaten. Seine Werke befinden sich in renommierten Privatsammlungen und im Amsterdamer Stedelijk Museum. Eigentlich hieß der in Lüttich geborene Sohn niederländischer Eltern Guillaume Cornelis van Beverloo. Er wirkte als Maler, Dichter und Bildhauer und war Teilnehmer der Kasseler documenta II (1959) und III (1964). Zu seinen Werken in der Sammlung DEKOMTE de TEMPLE zählen neben der „Brasilian Fete“ von 2003 auch die kostbaren, großformatigen Bände „Women of the Bible“.
Gemeinsam mit Karel Appel und Asger Jorn gründete Corneille 1948 in Paris die Künstlergruppe COBRA. Zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der MetropolenCopenhagen, Brüssel und Amsterdam, arbeitete die „Giftschlange“ international gegen jeden künstlerischen Formalismus. COBRA stand für den Bruch mit akademischer Tradition, für eine spielerische und phantasievolle Kunst sowie eine informelle, spontan aus dem Unterbewusstsein schöpfende Malweise.
Früh hatte Corneille - inspiriert durch seine Reisen nach Tunesien, Afrika, Asien und auf den amerikanischen Kontinent - seinen charakteristischen Stil entwickelt. Frau und Vogel durchziehen dabei als Zeichen sinnlicher Freiheit und Inspiration sämtliche seiner Werke. „Meine Kunst ist eine Kunst, die keine andere Norm anerkennt als die Expressivität, die spontan ausschöpft, was ihr die Intuition eingibt.“ Üppige Vegetation, Vogelbewegungen sowie weibliche konkave und konvexe Formen fokussieren von nun ab die Vereinigung von Kunst und Leben, Traum und Wirklichkeit, Mensch und Natur. In den großformatigen Künstlerbibeln „Women of the Bible“ erweitern dieses Vokabular schließlich die Engel, die hier gemeinsam mit den Frauen des Alten Testaments, himmlisches Licht und Liebe verbreiten.
Christoph de Temple *1960 - ✝2008
MEHR ALS FARBKLÄNGE – MUSIK
2008 mit gerade 47 Jahren viel zu früh verstorben, besaß Christoph de Temple ein ausgeprägtes Gespür für Form und Farbe. „Was mich interessiert“, betonte er häufig, „ist eine Farbigkeit, die ähnlich funktioniert wie der Zusammenklang von Tönen in einem Akkord.“
Die Affinität zu Kunst und Musik erfuhr der junge de Temple bereits innerhalb der Familie. Prägend wirkten vor allem die intensiven Gespräche mit seinem Onkel Günther, dem jüngsten Bruder seines Vaters Bernhard. Kunst und Musik, welche Farbe etwa wäre welcher Sound oder welches Instrument - und kann man Klänge sehen? Am besten war es, viele Farben, ja, Farbtöne zu mischen und das konnte man bei Bach, Beethoven, Schubert oder beim späten Mozart – eben auf andere Art. In einen solchen Farbtopf zu greifen, war immer faszinierend und Christoph de Temple interessierte nun einmal alles, was im doppelten Wortsinn gut klang.
Nach dem Studium in Mannheim (bei Karl Rödel) und Karlsruhe, zuletzt als Meisterschüler von Peter Ackermann, arbeitete er in Berlin, Amsterdam und dann wieder in Berlin. 1993 ließ er sich im elsässischen Lauterbourg nieder.
De Temple lebte und arbeitete dort als Maler und Musiker. Er schrieb und produzierte eigene Songs und unterrichtete Gitarre und Bass. Die Bilder dieses letzten Lebens- und Arbeitsraums schilderten eine Vielfalt von Eindrücken aus Bewegung, Klängen, Worten, Räumen, Körpern, Licht und Farbe. Ohne wirklich mitteilsam zu sein, formten sie eine eigene Realität, die dem Zuhören einer fremden Sprache oder einer unbekannten Musik glichen; Einem Nachdenken über Form und Komposition, über das Verhältnis von Klang und Bild, von Hören und Sehen.
Alexander Englert *1960
VON ANGESICHT ZU ANGESICHT
1960 in Freiburg im Breisgau geboren, zog es Alexander Englert zum Philosophiestudium nach Frankfurt am Main und anschließend an die Offenbacher Hochschule für Gestaltung, um Grafikdesign und Fotografie zu studieren. Heute lebt und arbeitet der Fotograf mit Schwerpunkt People, Porträt und Reportage in Frankfurt am Main. Seine Aufnahmen in der Sammlung DEKOMTE de Temple dokumentieren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens genauso wie Freunde und Bekannte. Die individuellen Porträts der Sammlung DEKOMTE fixieren dabei herausragende Autorinnen und Autoren in Situationen, die als Auslöser für einen Text wirkten. Gemeinsam mit dem Fotografen wurde dies als „authentische Fälschung“ nachgestellt. So auch die Aufnahme der in Berlin und Paris lebenden Emine Sevgi Özdamar. Ihre Reflektion im Wasser spiegelt sich auch in ihrer Erzählung von der Brücke am Goldenen Horn: „Ich lief in Richtung der Brücke vom Goldenen Horn, die beide europäischen Teile von Istanbul verbindet. Die vielen Schiffe neben der Brücke leuchteten in der Sonne. Alles bewegte sich sehr langsam, wie in einem zu stark belichteten, alten Slow-Motion-Film. Kleine Kinder oder alte Männer trugen auf ihren Rücken aus der ottomanischen Zeit übriggebliebene Wasserkanister und verkauften das Wasser an die Menschen. Sie schrien: ‚Wasssseeeerrrr‘ in den Himmel hinein, und die Menschen sahen so aus, als ob sie sich an diesen ‚Wassssseeeeerrrrr’-stimmen festhielten, um nicht wegen der Hitze in Ohnmacht zu fallen.“
Prof. Manfred Kaufmann *1946
WHAT NOW CHARLY: ART OR MEDICINE?
Was für seine Zukunft richtungsweisend sei, beschäftigte Manfred Kaufmann früh nicht nur rational, sondern auch ästhetisch. 1966, 20 Jahre jung und das Abitur in der Tasche, befragte er das Medium der Kunst: „What now Charly: Art or Medicine?“ Kaufmann entschied sich zunächst für die Medizinerlaufbahn, als er jedoch 2012 mit zahlreichen Auszeichnungen an der Frankfurter Goethe-Universität als renommierter Professor verabschiedet wurde, strebte er just die nächste Karriere an. Sein erklärtes Ziel: Nun auch als Künstler zu reüssieren, denn sein Leben hatte er bereits in jungen Jahren einem Leben gewidmet, dem er gleichermaßen in Medizin, Wissenschaft und Kunst nachspürte.
FROHEN HERZENS - die erste Ausstellung nach der Medizinkarriere, offenbarte so ein Ouevre, das der weiblichen Figur gewidmet war. Eine Gauguin’sche Sehnsucht nach dem Leben unter Palmen wurde vieler Ortens spürbar. Und auch die Botschaft des angestrebten „einfachen Lebens“ verkörperte die weiblichen Figur ideal als Mittlerin zwischen Leben und Wirklichkeit: Frauen als Gleichnis konzentrierter Kreisläufe, Protagonistinnen einer matriarchalisch organisierten Urgesellschaft. Komplizinnen, Mütter, Amazonen mit auch im Leiden erprobter heroischer, kämpferischer Natur und Führungskompetenz. Ihnen allen huldigte Kaufmann als Urbild unerschöpflicher Nahrung, Kreativität und Fruchtbarkeit – die weibliche Figur als perfektes Symbol von Inkarnations- und Geburtsprozess.
Mit einem klaren Schnitt hatte er als Mediziner den Wechsel zum Künstler vollzogen - den Arzt- gegen den Malerkittel getauscht. Doch dass das eine ohne das andere nicht funktionierte, zeigte eine zweite aufsehenerregende Werkgruppe in der Ausstellung FROHEN HERZENS. Neben klassischen Zeichnungen überraschten Fotografien aus dem just vergangenen Medizinerleben: Die Aufnahmen ins Körperinnere fixierten kaleidoskopartig Innen- und Außenwelt. Besonders gefangen nahm die Arbeit „Last Surgery“, eine Anspielung auf die letzte Operation des renommierten Arztes: Die blutige Hand, den OP-Handschuh bereits halb abgestreift, erzählte von einem letzten Innehalten und dokumentiert zugleich Vergangenheit und Zukunft, Abschied und neue Verheißung.
Jannis Kounellis *1936
SPUREN IM SAND
Den 1936 im griechischen Piräus geborenen Jannis Kounellis führte das Kunststudium nach Rom. Bis heute lebt und arbeitet der international renommierte Künstler mit jeweils kurzen Unterbrechungen in Italien. 1993 bis 2001 war er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, unternahm immer wieder ausgedehnte Reisen und kam auf Einladung der Jerusalemer Bezalel Akademie erstmals nach Israel. Auf die Frage, wie er die dortigen Kunststudenten einschätze, antwortete er: „Vor ihrem Fenster liegt die Judäische Wüste, und sie malen, was sie in den Kunstzeitschriften in New York sehen“.
Den Künstler selbst inspirierte die beeindruckende Umgebung zu seiner Arbeit am „Thomas-Evangelium“.
Die erst 1946 entdeckte koptische Abschrift des älteren griechischen Thomas-Evangeliums verzeichnet 114 Aussprüche Jesu, ohne gleichzeitig eine Geschichte zu erzählen. Als Verfasser gilt Didymus Judas Thomas, der Jünger Jesu, auch als ungläubiger Thomas bekannt. Vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden wurde die Papyrusrolle in der Sinai-Wüste wiederentdeckt - der Sand, der sie verbarg, hatte sie auch bewahrt.
Kounellis‘ 12teilige Serie des „Thomas-Evangeliums“ zeigt den Text in Hebräisch, obwohl das Original griechisch und koptisch ist. Der Künstler entwickelte daraus zwölf Motive einer weitgespannten Vorstellungswelt von Kabbala und Gnosis, die er in den rotbraunen Sand der Wüste zeichnete: Ein geteilter Kreis für Thomas und Jesus, ein geteiltes Rechteck für die Trennung von Leib und Seele und das Quadrat in der Raute, das für das Kreuz im Kosmos steht. Darüber hinaus dokumentierte er den Fisch im Wasser, die Vögel am Himmel und den Baum auf der Erde. Die kosmischen Zeichen schließlich zeigten den Stein der Weisen, die Himmelsleiter und das Sternbild des kleinen Bären, während die vierte Gruppe die Symbole des Menschen verzeichnete - das Licht der Petroliumlampe und des Feuers, das zum Himmel schwebende Haus sowie die vierundzwanzig Köpfe der Menschheit.
Heinz W. Lotz *1955
„DIE BEWÄLTIGUNG DES STINKNORMALEN LEBENS“
Von Zeit zu Zeit schreibt er – und wer Post von Heinz W. Lotz erhält, kann sich freuen. Denn den Umschlag, den der Postbote mit dem Zusatz: “Bitte nicht knicken“ überreicht, ist immer selbst ein collageartiges Kunstwerk, das all das dokumentiert, was Heinz W. Lotz momentan umtreibt. Besucht man den umtriebigen und famos produktiven Künstler in seinem Darmstädter Atelier, steigert sich die Freude in fast ehrfürchtigen Respekt: Angesichts der bestens sortierten und tadellos aufgeräumten Werkräume wird doch die manische Produktivität offenbar, mit der Lotz „die Bewältigung des stinknormalen Lebens“ vorantreibt. Frappierend wirkt die Schönheit und Intensität seiner „Bibliothek Bizarre“, die inmitten der Ordnung des Ateliers wie ein eruptiver Ausbruch voller Obsession und Leidenschaft erscheint. Das Regal mit den Künstlerbüchern erinnert an die Blei-Bibliothek Anselm Kiefers, doch tatsächlich erzählt sie inmitten der strengen Umgebung von psychischer Dichte großer Spannung und Prägnanz. Lotz meistert die Alltagsdämonen in einem strengen Regelwerk, dass alle Emotion stabilisiert. Davon zeugen auch seine Monotypien, die der Künstler in kleiner Auflage, doch Blatt für Blatt individuell fertigt. Auf allen verfügbaren Flächen seines Ateliers sind die Werkgruppen gelagert, auf Tischen, Stühlen und Regalen. Fast fühlt man sich in ein Privat-Museum versetzt, so faszinierend wurde hier gesammelt und präsentiert. Neben Pflanzenteilen, Muschelformen, skulpturalen Fundstücken, Souvenirs ausgedehnter Reisen, Hölzern oder Schildern findet sich zum sofortigen Gebrauch das Handwerkszeug des Künstlers: Papier und Pinsel, Pigment und Stift, Karton und Schere. Fragt man sich, wo denn die pastosen Farben aufgetragen werden, wo Lotz sägt und hämmert, wo er die berührenden Skulpturen oder die grandiose „Neckermann“-Serie schafft, wird schnell klar, dass dem täglichen Horror vakui, dem rohen eruptiven Ausdrucks und der emotionalen Schönheit nur zu begegnen ist, wenn man danach sofort wieder aufräumt und alles übersichtlich ordnet.
Victor Minj *1980
LEIDEN, LEIDENSCHAFT UND LIEBE
Saatchi online hat ihn – DEKOMTE de Temple auch. Zuletzt stellte Victor Minj in Mumbai und an der renommierten Baroda Art-Fakultät im heutigen Vadodara aus. Für seine künstlerische Botschaft nutzt der junge Inder souverän sämtliche aktuellen Medien, sei es Twitter oder Facebook. Minjs Ideen und Werke jedoch erscheinen überraschend traditionell. „Durch meine neuen Arbeiten möchte ich meine Gedanken und Vorstellungen mit anderen teilen. Ja, eine Botschaft über unsere Gesellschaft vermitteln, über meine indische Heimat wie auch über meine eigene Biographie. Dafür habe ich traditionelle Symbole der indischen Kultur und zugleich das Thema des „Kahlschlags“ und der „Abforstung“ gewählt. Der Umgang mit dem Material Holz reflektiert dabei nicht nur indische Vorgehensweisen und Rituale, sondern auch meine persönlichen Assoziationen, den täglichen Lebenskampf und trotz körperlicher Unfähigkeit, die unbändige Lust am Überleben.“
Als Metapher dafür nutzt Minj immer wieder den Baum. Einerseits gut verwurzelt, hat er doch alle Blätter verloren oder wächst auf verkarstetem Land. Die Werke selbst prägt ein unverwechselbarer Stil feiner Handwerkskunst, der Öl, Collage und Aquarell vereint. Mythos, Religion und Kultur der indischen Herkunft fließen dabei in alle Sujets und Stories der Minj‘schen Bilder. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine Vielzahl starker Emotionen – nicht zuletzt Leiden wie Leidenschaft.
Hermann Nitsch *1938
LEVITEN LESEN
Seit 1971 führt Hermann Nitsch auf seinem Schloss Prinzendorf in Niederösterreich regelmäßig Orgien-Mysterien-Spiele durch. Die an den antiken Festen orientierten Aktionen machten ihn zum bedeutendsten Vertreter des Wiener Aktionismus. Seine wiederkehrenden Motive, Opfer und Kreuzigung, Meditation und Extase, Fleischeslust und die Erlösung durch die Schönheit, sind klassische Motive der Kunstgeschichte. Nitsch nennt sie ein "Lebensfest" und vereint in seinem Schaffen Elemente aus der katholischen Liturgie, der freudschen Psychoanalyse, der Bibel sowie kultischer Handlungen. Bereits Ende der 50er-Jahre entwickelte er die Idee zu seinem Blutspektakel als Gesamtkunstwerk aus Musik, Theater und Malerei. Schon mit 14 Jahren befasste er sich dafür mit Malerei, Skulptur und Musik. Nach der Ausbildung als Grafiker in Wien machte er Anfang der 60er-Jahre mit seinen "Schüttbildern" auf sich aufmerksam. Angeregt vom amerikanischen "Action Painting" bespritzte Nitsch zunächst die Leinwand und später auch menschliche Körper und Tierkadaver mit Farbe und Blut. Rituale mit geschlachteten Tieren, Blut und Eingeweiden bestimmen noch heute seine Aktionen, die immer auch religiöse Anklänge verkörpern. 2010 schuf er die Illustrationen für das über 40 kg schwere Künstlerbuch „Leviticus“. Die Leviten, einer der zwölf Stämme Israels, hatten ausführlich Opferungsriten und Gottesdienstanordnungen beschrieben und festgelegt. Im 1450-1410 v. Chr. entstandenen sogenannten 3. Buch Mose hatte Nitsch bereits als Achtzehnjähriger die ihm wichtig erschienenen Themen markiert, die künftig sein Werk prägen sollten.
Juhani Palmu *1944
VOM SUCHEN UND FINDEN - VON RELIGIÖSER ERFAHRUNG UND KULTURELLER IDENTIFIKATION
Juhani Palmu, einer der bekanntesten zeitgenössischen finnischen Künstler ist mit seinem Oeuvre weit über Skandinavien hinaus bekannt. In der Sammlung DEKOMTE de Temple bilden seine Werke den Ausgangspunkt der Kollektion, denn mit ihrem Ankauf nahm die Sammlung ihren Anfang.
Entdeckt hatten Viola und Günther de Temple den Künstler während einer Finnlandreise: „Es war ein Regentag“, erinnert sich Günther de Temple. „Ich fuhr mit Viola gen Norden nach Alahärma. Stechmücken begleiteten uns auf Schritt und Tritt. Nach dreieinhalb Stunden Reisezeit durch die nebeldurchzogene, finnische Landschaft tat sich der Himmel auf. Die Sonne strahlte – farbenfrohe Impressionen in uns und um uns herum. Und da saß er, auf einem Holzstuhl am Tisch mit Flaschen, Gläsern, Tassen und gefüllten Aschenbechern. Herrlich, einfach herrlich, alles war so glamourös verkommen. Palmu rührte sich nicht. Erst dann sahen wir, dass er in ein ans Ohr geklemmtes Handy sprach: ‚Da kommen zwei Leute, vielleicht möchten sie etwas anschauen, die sind in zehn Minuten wieder weg, dann melde ich mich wieder‘. Doch was folgte, waren sechs Stunden: Palmu, seine Frau, Viola und ich. Schließlich reihte sich Bild an Bild – eine kosmische Bühnenkulisse, merkwürdig, dachte ich und zugleich erwachte in mir der Wunsch, diese Bilder einem größeren Publikum zu zeigen“.
Wieder zurück in Deutschland präsentierte DEKOMTE die Neuankäufe erstmals in der Ausstellung „KÖNIGIN SABA KOMMT“. Sie alle handeln vom Überwinden alter Strukturen, vom Suchen und Finden, von religiöser Erfahrung und kultureller Identifikation. Palmu zitiert dafür nicht nur typisch finnische Traditionen mit Sauna oder Rentier, sondern auch die finnisch-ugrische Volks- und Handwerkskunst mit ihren weltberühmten Felszeichnungen, die vor vier- bis fünftausend Jahren an der Ostküste des Weißen Meeres und am Onegaseee in Russisch Karelien entdeckt wurden. , sondern auch die Herausforderungen von Globalisierung und moderner Kommunikation. Dabei gelingt es ihm, den Finger in die Wunde zu legen und mit jahrhundertealten biblischen Motiven brisante wie aktuelle Themen ins Bild zu bringen. Neben den fordernden täglichen Veränderungen und dem Wunsch, trotzdem in Harmonie zu leben, offenbaren Palmus Gemälde immer auch Aspekte von Herkunft und Vorfahren. Denn nur wer sich selbst erkennt, beginnt zu ahnen, wer er ist - und vielleicht zukünftig auch sein kann.
Hatty Pedder *1969
WIE DURCH EIN KALEIDOSKOP GESCHAUT
Trotz der Ausbildung am Londoner St. Martin’s College, ist die 1969 in England geborene Hatty Pedder bis heute Fan des österreichischen „Klimt’schen“ Kusses. Doch auch Audrey Beardsley, die Präraffaeliten und den Viktorianischen Maler William Frith schätzt sie. Diese klassischen Vorlagen mischt die Künstlerin in ihren Werken mit aktuellen Eindrücken der arabischen Halbinsel, wo sie seit fast 20 Jahren lebt. Ob es die Modeschauen in den exklusiven Hotels sind, Touristen aus Ost und West, Pferde- und Kamelrennen, der Dubai World Cup oder öffentlich zelebrierte Hochzeiten – Pedders Collagen fixieren die aktuelle Globalisierung mit all ihren Details. Dass sich dabei Dubai als internationaler Schmelztiegel erweist, dokumentieren Pedders Kunstwerke zugleich faszinierend wie folgerichtig.
Schon immer, erzählt sie, wollte sie Künstlerin werden. Auch ihr Vater arbeitete künstlerisch, ja, selbst die Großeltern. Nie hätte sie einen anderen Wunsch für die Zukunft gehegt. Nach dem Studium in London wirkte Pedder zunächst als Illustratorin und Stylistin. Vor 17 Jahren zog sie, gemeinsam mit ihrem Mann und der gerade geborenen ersten Tochter nach Dubai. Der Neuanfang war nicht leicht, in Großbritannien war unter anderem das Magazin „Tatler“ ihr Auftraggeber, hier musste sie die Welt der Fotografen, Illustratoren und Künstler neu erobern.
Der Weg schließlich führte über Auftragsarbeiten für große internationale Marken, etwa das Raffles Dubai, Magus International, Snapple, Mini oder Desert Rose. Gemeinsam mit „Luz to Luna“ entwarf Pedder eine Möbelkollektion und aktuell arbeitet sie im indischen Mumbai – um, ähnlich wie in Dubai, die „Szene“ einzufangen.
Auch diese Collagen wirken wie Momentaufnahmen – ein Blick auf eine neue Gesellschaft. Wie durch ein Kaleidoskop geschaut dokumentiert Hatty Pedder darin ohne zu werten - Menschen unterschiedlichster Nationalität, Religion und Kultur.
Emil Schumacher *1912 - ✝1999
GENESIS – DIE ERSCHAFFUNG DER WELT
Neben den drei aktuellen Neuankäufen für die Sammlung DEKOMTE de Temple zählt auch die Künstlerbibel von Emil Schumacher zu den Highlights der Kompensatoren GmbH-Kollektion. Historische Berichte, Lebensbilder und Prophetien unterschiedlicher Kulturen haben den Hagener Künstler immer fasziniert. Obwohl über 3400 Jahre alt, erwies sich ihm die Textsammlung der Bibel als immer aktuell und brisant. Von mehr als vierzig, sich größtenteils untereinander nicht kennenden Schreibern verfasst, dokumentiere die Bibel bis heute adäquat menschliche Sorgen und Nöte.
Im „Buch der Bücher“ erzählt die „Genesis“ – das erste Buch der hebräischen und christlichen Bibel – von der Erschaffung der Welt. Für das um 1450 bis 1410 v. Chr. entstandene, sogenannte 1. Buch Mose entwarf Emil Schumacher in seinem letzten Lebensjahr 18 Terragraphien. Sein Sohn Ulrich, heute Direktor des Schumacher-Museums in Hagen, erinnert sich an seinen Vater als einen gläubigen Menschen, der häufig in der Bibel gelesen habe und der 1998 nach dem Besuch der israelischen Verlegern Har-El beschlossen hatte, die Schöpfungsgeschichte als Künstlerbuch herauszubringen. Innerhalb weniger Monate erstellte der Künstler die Vorlagen auf Acetatdruckfolien, die anschließend in Jaffa gedruckt wurden. Tatsächlich wurden die 18 gemalten Blätter zu seinem Vermächtnis, denn der Künstler starb kurz darauf. Allein 20 Vorzugsexemplare hatte er noch signieren können. Sein Verleger Jakob Har-El erinnerte sich: „Schumacher war sozusagen der ‚Stammesälteste‘ für mich, also die allererste Wahl. Seine Arbeiten bewahren den Schöpfungsmoment zwischen Chaos und Ordnung. Sie sind noch nicht Kultur und zugleich jenseits roher Natur. Schumachers Verwendung von Erde und Sand in seinen Materialien ist eher eine kulturelle Deklaration als eine ästhetische. Auch seine enge Verbindung zu Mesopotamien weist auf die archaischen Quellen seines Werks hin. Als wir ‚Genesis‘ 1998 abschlossen, wurde gerade viel über das Eisenman-Denkmal in Berlin diskutiert. Schumacher hatte keinen Zweifel daran, dass das Künstlerbuch ‚Genesis‘ in seiner Größe ein angemessenes Denkmal für die Ermordung der europäischen Juden darstellt.“
Günther Uecker *1930
DER NAGEL ALS MAHNMAL
Berühmtheit erlangte er als „Nagelkünstler“. Statt des Bleistifts, setzte Günther Uecker in den 50er Jahren den Metallstift ein, um mit seiner Kunst durchschlagend zu wirken. Heute pendelt er zwischen dem weißen Atelier am Düsseldorfer Hafen und dem neuen Ostsee-Domizil auf der Halbinsel Wustrow. Hier hat er wieder angefangen zu malen – große Formate, die eine ganz neue Seite des berühmten Künstlers offenbaren.
Fragt man, ob es ihn stört, seit Jahrzehnten als „Nagelkünstler“ bekannt zu sein, antwortet er: einerseits ja, doch andererseits schmeichele ihm die Identifikation mit dem prominenten Symbol.
1957 schlug Günther Uecker erstmals Baumarktnägel in seine Bilder und erzeugte Strukturen, bewegte Flächen, Licht- und Schattenobjekte. Seitdem gilt der 1930 in Mecklenburg geborene Uecker als Nagelkünstler. Als Mitglied der Künstlergruppe Zero beschäftigte er sich mit Lichtkunst, arbeitete als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie (1978 bis 1994) und wurde nach dem ersten Kampf um Anerkennung zur documenta und zur Biennale nach Venedig eingeladen. Seitdem reißen die großen Ausstellungen und öffentlichen Anerkennungen nicht mehr ab. Egal, was der Betrachter zu sehen bekommt, ob frühe Nagelbilder, spätere laut-tönende Installationen, kontemplative weiße oder die neuen großen Bilder, immer wird deutlich dass es hier nicht um Selbstzweck handelt, sondern um Kommentierung. Uecker ist kein politischer Künstler. Vielmehr sind seine Werke, wie etwa das Buch Hiob der Sammlung DEKOMTE de Temple, stille, oft bedrückende, berührende und einleuchtende Mahnmale.